Folgenden Text habe ich auf der Seite der Frankfurter Rundschau geklaut. Ich mache sowas selten, aber ich habe lange überlegt und hätte es selbst nicht besser schreiben können.
A tribute to Sotirios Kyrgiakos
Im Sommer 2006 benötigte Sotirios Kyrgiakos nur wenige Minuten, um bleibende Spuren in Frankfurt zu hinterlassen. Es war das erste Heimspiel der Saison gegen den VfL Wolfsburg, die Sonne strahlte vom azurblauen Himmel herab, und gleich zu Beginn der Partie setzte der griechische Nationalspieler zu einer atemberaubenden Grätsche an. Mit einigen Metern Anlauf fegte er VfL-Stürmer Diego Klimowicz den Ball vom Fuß. Es war ein hartes, aber faires Tackling, eines, das man nicht alle Tage sieht. Klimowicz kam unversehrt davon, der Rasen nicht - eine meterlange Furche war Zeugnis dieser ersten, spektakulären Tat im Eintracht-Dress.
Kurz drauf hallten schon die ersten lautstarken Kyrgiakos-Rufe durchs Oval. Und auch zum Schluss, als Kyrgiakos nach einer Schauspieleinlage von Klimowicz die Rote Karte sah, feierten ihn die Fans frenetisch. Kyrgiakos war damals noch nicht so verschlossen wie heute, mit Händen und Füßen erklärte er hinterher, dass Klimowicz in Hollywood besser aufgehoben wäre. “Er ist ein Schauspieler, aber kein Fußballer.” Auf einen wie Kyrgiakos, ein Bär von einem Mann, ein Koloss, der keine Schmerzen kennt und nur dahin geht, wo es auch richtig weh tut, hatten sie in Frankfurt gewartet. Scheinbar.
Morgen, im letzten Saisonspiel gegen den MSV Duisburg, wird Kyrgiakos mit großer Sicherheit letztmalig den Adler auf der Brust tragen, und besonders viele Tränen wird man ihm nicht nachweinen. Aber, und das kann nicht jeder von sich behaupten, er hat Spuren hinterlassen, man wird sich an ihn erinnern mit einem Lächeln im Gesicht. Weil der Innenverteidiger sicher kein Allerweltsfußballer, kein aalglatter, angepasster Profi ist. Nein, Kyrgiakos, 28, ist ein Unikum, er kommt im heutigen Fußballzeitalter wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen daher, er neigt zur Theatralik, er ist der Mann der großen Gesten. Die FR beschrieb ihn einmal als moderner Gladiator, als furchtlosen Fußball-Krieger. Das trifft es ganz gut. “Er tritt auch gegen Bahnschwellen”, hat Trainer Friedhelm Funkel einmal über ihn gesagt. Auch das ist korrekt.
Kyrgiakos ist ein Vorstopper im klassischen Sinne, der die gegnerischen Stürmer mit allen Mitteln bekämpft, der sie unerbittlich und unermüdlich bearbeitet. Er scheut keinen Zweikampf, und mit seiner Körpergröße von 1,93 Meter und seinem nahezu perfekten Kopfballspiel gilt er in der Bundesliga als König der Lüfte. Kyrgiakos ist darüber hinaus hart im Nehmen, das Nasenbein brach er sich erst kürzlich zweimal binnen kürzester Zeit. “Er kennt keinen Schmerz”, hat Funkel da nur gesagt.
Und doch hat Kyrgiakos auch Schwächen, eklatante Schwächen. Er ist nicht in der Lage, ein Spiel mit klugen, harten Pässen zu eröffnen, er ist ein Verteidiger alter Prägung: beinhart im Zweikampf, schwach am Ball. Seine langen Schläge aus der Abwehr waren lange ein Ärgernis. Damit kommt man heutzutage im modernen Fußball nicht mehr weit. Zudem ist Kyrgiakos stark von äußern Einflüssen abhängig, wenn das Stadion tobt und etwas auf dem Spiel steht, dann erwacht seine Kampfeslust, dann wächst er über sich hinaus, aber es gibt auch Partien, die er schlicht als nicht würdig erachtet, da taumelt er dann von einer Verlegenheit in die nächste. Zudem, und das hinderte ihn daran, in Frankfurt zum Publikumsliebling zu avancieren, hat er sich niemals so richtig mit seinem Arbeitgeber identifiziert. Er weigerte sich beharrlich, auch nur ein paar Brocken deutsch zu lernen. Im Grunde ist Kyrgiakos ein großer Unbekannter geblieben. Zudem sind bei ihm Zweifel an seiner Teamfähigkeit angebracht. Als er einmal, beim Hinspiel in Wolfsburg, auf die Bank verdonnert wurde, weigerte er sich in der Halbzeit prompt, sich warmzulaufen. So etwas kommt nicht gut an. Und ein echtes Bekenntnis zur Eintracht war ihm in zwei Jahren nicht zu entlocken. Warum auch? Er ist ein bunter Wandervogel, der dahin zieht, wo er das meiste Geld verdienen kann. Das ist nicht mal verwerflich.
Bislang hat Kyrgiakos, der in Frankfurt ehrfürchtig Griechen-Godzilla genannt wurde, noch keinen neuen Verein gefunden, er hat keine Eile. Betis Sevilla hat mal angeklopft, aber das ist spanisches Mittelmaß. Na ja. Er spekuliert darauf, sich bei der Europameisterschaft in den Fokus zu spielen, um dann einen großen Vertrag bei einem großen Verein zu ergattern. Kyrgiakos neigt ein wenig zur Selbstüberschätzung.
Gerade die Auftritte in Stuttgart und gegen Wolfsburg belegten, dass der Mann mit dem Zopf kein Verteidiger ist, der gehobenen Ansprüchen genügt. Da wirkte er hüftsteif und desorientiert. Im Frankfurter Führungszirkel war schon länger die Erkenntnis gereift, dass ein Abgang Kyrgiakos’ kein allzu großer Verlust wäre. Kyrgiakos wird weiterziehen, zu einem Klub, der einen wie ihn verdient, einen Spieler, der, wie einst Otto Rehhagel sagte, “weder Tod noch Teufel fürchtet”.
Ich persönlich mag Kyrgiakos sehr. Dass er kein Freund großer Worte ist habe ich am eigenen Leib erfahren, als wir beim Training waren und der Keks ein Autogramm von ihm haben wollte. Herr Kyrgiakos wollte sich direkt nach dem Training verdrücken aber wir haben die Verfolgung aufgenommen. Als er auf unser Rufen nicht reagiert hat, hat der Keks einen Endspurt hingelegt, ihn eingeholt und ihn dann am Trikot gezerrt. Mit großen Augen hat er sich rumgedreht und dann gelacht. Der Keks hat ihm einen Stift hingehalten und ihn höflich gefragt, ob er ein Autogramm haben kann. Ohne ein Wort hat er unterschrieben, nochmal kurz gelacht und uns zugezwinkert und dann ist er gegangen.
Sollte er Frankfurt tatsächlich verlassen, werde ich ihn fürchterlich vermissen!